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Das eigene Sterben erleben

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Die Filmwissenschaftlerin Brigitte Mayr über Zeit zu gehen

Ein seitlich aus einem Krankenbett gestreckter Arm kreist ziellos durch die Luft, die Finger öffnen sich am höchsten Punkt, die Hand scheint vergeblich nach einem Trinkbecher fassen zu wollen, der auf dem Nachtkästchen steht. Was auf den ersten Blick wie eine hilflose Geste aussieht, erweist sich beim genaueren Hinschauen als Turnübung, die sich Frau Steindl täglich öfters zu tun verordnet hat, um die ermatteten Glieder in Bewegung zu halten.
Diese aufschlussreiche Szene am Beginn des Dokumentarfilmerstlings ZEIT ZU GEHEN legt die unprätentiöse Herangehensweise der Regisseurin Anita Natmeßnig an eines der wohl schwierigsten Themen unserer Gesellschaft sofort offen: sie dreht den sehr oberflächlichen Blick, den wir üblicherweise auf den Tod werfen, praktisch in jedem ihrer quer gedachten und dennoch mit keiner unnötigen Schwere belasteten Bilder um. 

Sterben, das ist normalerweise nicht Teil des Alltags, das geschieht außerhalb unserer Wohnungen, das haben wir delegiert, dafür gibt es Institutionen und Fachpersonal. Das CS Hospiz Rennweg in Wien hat dazu eine gänzlich andere Haltung, was hier unter einer für beide Seiten befriedigenden Arbeit am stetigen Abschied seiner unheilbar kranken KrebspatientInnen verstanden wird, machen schon die nüchternen Schrifttitel im Vorspann klar: „70% sterben auf der Station, 30% werden wieder entlassen. Durchschnittliche Aufenthaltsdauer: 25 Tage. Das Ziel lautet: Lebensqualität durch Schmerztherapie, Symptomlinderung, Betreuung und Pflege.“ In diesem Sinne – also im eigentlichen des Wortes Hospiz, nämlich eine „gastfreundliche Herberge“ zu sein für Pilger, Arme und Kranke – begleitet auch Natmeßnig Menschen während dieser letzten Wochen vor dem Tod, zeigt uns das Sterben einfühlsam als natürlichen Teil des Lebens, ohne jemals den moralisierenden Zeigefinger zu erheben oder ins Sentiment zu kippen.

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 Das eigene Sterben erleben_B.Mayr.zip  (38.85 KB)